Zizers, 23. August
Endlich wieder einmal ein schöner Abend. Einer der wenigen in diesem kurzen Sommer, den ich mit einem Glas Wein auf der Terrasse sitzend, geniesse und die Gedanken schweifen lasse.
Für einmal ziehen keine Nebelschwaden um die Felsen, aber ich bemerke wie früh sich die Birke bereits zu entkleiden beginnt. Ihre welken Blätter liegen mal unordentlich über die Steine zerstreut, mal sind sie vom warmen Winden feinsäuberlich in einer Gartenecke zusammengeweht, um kurz darauf von einer kräftigen Böe erneut herumgetrieben zu werden.
Im neuen Land verabschiedet sich die Sonne mit einem rot-orangen Versprechen, welches warm über den weich abgestuften Konturen des schlafenden Kaisers leuchtet. Kühl und weissbewölkt, von einige dunkelblauen Flecken unterbrochen kündigt sich auf der anderen Seite die Nacht an. Nur über mir ist alles grau. Zwar nicht dicht geschlossen, man meint zu spüren, dass es nur einen kräftigen Atemstoss brauchen würde, damit die Wolkendecke aufreisst und den Blick auf die aufziehenden Sterne frei gibt, aber trotzdem einfach grau.
Wenn es jetzt trocken bleibt, ist es ein guter Tag. Ich hab wiedereinmal in Ruhe ein paar Stunden im Rebberg gearbeitet. Dabei vertrieb die Freude über die ersten aromatischen Trauben sogar fast den Ärger über den Schaden, den der Falsche Rebmehltau (eine sich heuer besonderes aggressiv verhaltende Pilzkrankheit) angerichtet hat.
Das Jahr war bis jetzt nicht einfach. Je nach Lage und Sorte blühten die Reben mitten in einer Schlechtwetterphase und die Trauben verrieselten. Später vermehrte sich der Mehltau explosionsartig. Wer in den kurzen trockenen Phasen den Spritztermin nicht genau traf, muss dieses Jahr schwere Verluste hinnehmen. Einzelne Winzer werden 2010 weniger als 20% ihrer normalen Menge einfahren können.Uns hat es zum Glück nicht ganz so schlimm erwischt. Bei den biologisch bewirtschafteten Parzellen rechne aber auch ich mit 50% Verlust. Im Betriebsschnitt werden es etwa 20% weniger als normal sein.
Bereits jetzt steht fest, dass 2010 mengenmässig ein schlechtes Jahr wird, aber qualitativ ist immer noch alles möglich. Zweckoptimismus? Nein, denn hier in Graubünden kann der Föhn fast alles wieder zurechtbiegen, wie er in meinem zweiten Jahr in Graubünden (damals noch auf Schloss Reichenau bei Gian-Battista von Tscharner) eindrücklich unter Beweis gestellt hat.
2001 regnete es ab Ende August einen Monat lang fast ununterbrochen. Die Temperaturen waren mehrmals gefährlich nahe an der Frostgrenze. Ende September ging ich durch die sumpfigen Weinberge. Vor mir hüpften Frösche weg. Die Trauben waren immer noch gleich rot und gleich sauer wie Ende August, aber nur noch wenige Rebblätter waren grün. Ich überlegte mir, was ich aus diesen Trauben machen soll. Selbst ein anständiger Rosé oder Federweiss schien mir mit dem Material jenseits des Möglichen.
Und dann – Bis Mitte November war einfach wunderbares Wetter, ein Tag schöner als der andere! Dank dem Föhn blieb es selbst in den Nächten warm. Nach einer herrlichen Weinlese lagen grandiose, konzentrierte, hocharomatische fast schwarze, wegen ihrem Gerbstoff- und Säuregehalt in der Jugend aber auch fast untrinkbare Wein in den Fässern. Die Jungweinproben waren etwas für Masochisten, aber ich prognostizierte den Weinen eine grosse Zukunft.
Wer die Geduld hatte, von guten Produzenten ein paar Flaschen Bündner Pinot 2001 beiseite zu legen, darf sich jetzt glückliche schätzen, und kann langsam damit beginnen, die eine oder andere Flasche zu öffnen.
Sie sehen also: Hier in Graubünden hat uns der Föhn noch (fast) immer gerettet. Und wenn das Wetter nun endlich sonnig und trocken bleiben würde, wären wir noch nicht einmal auf unseren Nothelfer angewiesen.
Aber jetzt geniesse ich den schönen Abend und das langsam zuneige gehende Glas Pinot Noir. Nein, es ist kein 2001er aus Graubünden, sondern ein sehr schön gereifter, fast burgundischer 1992er „Holzfass“ von meinem ehemaligen Lehrmeister Hermann Schwarzenbach aus Meilen. Auch der war in seiner Jugend fast ungeniessbar. (Nein, der Wein, nicht der Lehrmeister!
)
Gutes braucht oftmals einfach etwas Geduld. Also übe ich mich dieses Jahr weiterhin in Geduld.
Aber das Wetter soll jetzt endlich einfach schön und trocken bleiben; Gopferdami nonemole!!!
