Die ersten Roten 2010er sind abgepresst, die letzten beginnen langsam zu gären, und die Weissen lassen im Barrique ihr immer wieder faszinierend meditatives Blubberkonzert ertönen. Zeit also, um kurz auf die Weinlese 2010 zurückzublicken.
Die späte Weinlese war von einem schwierigen Rebjahr geprägt, welches den Spreu für einmal wieder ganz klar vom Weizen trennen wird. Zwei Wochen vor der Lese rechnete ich bei uns langsam mit einem „Schei…jahr“, mittlerweile erwarte ich an der Spitze zumindest einen guten, möglicherweise sogar einen sehr guten Jahrgang. Zusammen mit der hinausgezögerten Weinlese und dem tiefen Erträgen (beim Pinot Noir deutlich unter 3dl/m2) scheinen die warmen Föhntage am Schluss ein kleines Weinwunder bewirkt zu haben.
Die späteste Weinlese seit 2001 zog sich über ganze drei Wochen hin. Ein erstes „Vorgeplänkel“ erfolgte am Donnerstag 14. Oktober. In Quinten ernteten wir Pinot blanc (89° Öchsle) und Müller-Thurgau (87° Ö). Die Menge läuft unter der Rubrik „s’bätlle versummet“, aber meinen ersten Quintner Weisswein wollte ich trotz nur „wenig mehr als nichts“ nicht an die Vögel verschenken.
Tags darauf, am Freitag 15. Oktober, ging es dann in Zizers mit dem RxS Alte Reben (Müller-Thurgau) richtig los. Zu dem Zeitpunkt war es die einzige Sorte, bei der ich sicher war, dass es etwas Gutes gibt. Die gesunden Trauben erlebte ich noch nie dermassen aromatisch. Sie zeigten schon fast sauvignonmässige Aromen nach Lychée, Mango und Grapefruit. Da in dieser teilweise biologisch bearbeiteten Parzelle der Falsche Mehltau ziemlich zugeschlagen hat, ist der Ertrag mit 611g/ m2 für RxS sehr tief. Dafür lag der Zuckergehalt (86° Ö) im Wunschbereich, und der junge Wein bestätigt den ersten aromatischen Eindruck.
Gleichentags führten wir beim Sauvignon Blanc eine Vorlese durch und schnitten alle faulen, meist aber trotzdem noch unreifen Trauben raus, damit die gesunden nicht angesteckt wurden.
Am nächsten Freitag, dem 22. Oktober ging es in Quinten mit dem Pinot Noir und Chardonnay weiter. Der Chardonnay (91°) war gesund, aber der Ertrag war erbärmlich. Zusammen mit dem RxS, dem Pinot Blanc, ein paar Stöcken Pinot Gris und etwas Blanc de Noir füllt die ganze Quintner Weissweinernte „im gemischten Satz“ nur gerade ein einziges Barrique. Zumindest wissen wir nun, wo im dieses Jahr neu hinzugestossenen Rebberg welche Sorten in welcher Menge stehen…
Auch der Pinot Noir aus dieser neu von uns bewirtschafteten Parzelle ereichte keinen viel besseren Ertrag, zeigt aber eine gute physiologische Reife. Einzig die bereits letztes Jahr von uns gepflegten Pinot Noir Parzelle erreichte in Quinten einen einigermassen ordentlichen Ertrag. Wegen Fäulnis musste zwar auch diese konzentriert gelesen werden, aber die Trauben waren kleinbeerig mit absolut reifen Kernen. Trotz eher tiefem Zuckergehalt ist es aus physiologischer Sicht vermutlich der Pinot Noir mit der besten Reife. Schade, dass im Frühjahr wegen einem Umbau fast der halbe Rebberg gerodet werden musste. Diese Fläche wird 2012 dafür mit der uralten Bündner Weissweinsorte Completer frisch bepflanzt werden.
Insgesamt erreichten wir in Quinten beim Pinot Noir Q 94° Öchsle und 158g/m2, beim weissen gemischten Satz durchschnittlich 89° Öchsle und ein Ertrag von unter 100g/m2. Falls Robert Parker den beiden Wein vor der Abfüllung 98-100 Punkte geben sollte, besteht die Chance, dass wir in Quinten dieses Jahr keinen grossen Verlust verzeichnen müssen…
Nach einem Schlechtwetterwochenende kam dann endlich die schon lange ersehnte Föhnlage, so dass wir, wiederum eine Woche später, in Zizers am Freitag 29. Oktober sehr gesunden Pinot Gris (478g/m2, 98°Ö) lesen konnten.
Am Samstag lies ich unsere Trauben trotz unsicherer Wetterprognose teilweise im Föhnsturm weiter am Stock reifen, doch da die Prognosen für Montag und Dienstag immer katastrophaler aussahen, entschloss ich mich zum ersten Mal in meiner Winzerkarriere zu einer „Sonntagsweinlese“.
So wimmelten unsere fleissige Weinlesecrew am Sonntag, 31. Oktober fast zehn Tonnen Pinot Noir und Sauvignon Blanc. Diese Leistung ist umso bemerkenswerter, wenn man weiss, dass die Lesehelfer nicht nur jede faule Traube aussöndern mussten, sondern auch unzählige eingetrocknete Beeren zu verkosten hatten, um zu schmecken ob sie zuckersüss oder durch Stiellähme bocksauer sei. Visuell war meist kaum ein Unterschied erkennbar.
Beim Sauvignon blanc war ich sowohl mit der Menge (640g/m2) wie auch mit der Qualität (95°Ö) zufrieden. Beim Pinot Noir, wo der Falsche Mehltau dieses Jahr ebenfalls zu grossen Ertragsausfällen führte überzeugt zumindest die Qualität (101°Ö), die Quantität aber weniger. Im biologisch bewirtschaftet Teil lag der Ertrag unter 300g/m2.
Entgegen der Prognose hielt der Föhn weiter an, so dass wir am Montag, 1. November perfekt gesunden Chardonnay lesen konnten. (102° Öchsle bei 485g/m2 Ertrag). Der Dornfelder (88° Oechlse, 538g/m2) und der unerwartet geniale Merlot (102° Öchsle, 365 g/m2 und komplett durchgereifte Kerne) rundeten den wunderschönen Lesetag ab.
Bis auf ein paar vereinzelte Tropfen hielt das trockene Wetter auch am Dienstag an, so dass wir am Mittwoch, 3. November die letzten, immer noch sehr gesunden Pinot Noir mit 101° Öchsle lesen konnten. Insgesamt erreichten wir bei unserem Zizerser Pinot Noir bei einem Ertrag von 407g/m2 über 100° Öchsle.
Am Samstag, 6. November beendeten meine Mitarbeiter in meiner Abwesenheit (ich musste mit MDVS ans internationale Weinfestival nach Meran) die Weinlese 2010 mit dem Cabernet Sauvignon (371g/m2) und 86° Öchsle.
Fazit Weinlese 2010?
Meines Erachtens bestimmten dieses Jahr in Graubünden vier Faktoren die Traubenqualität massgeblich:
1. Gute Rebarbeit
2. Tiefe Erträge
3. Späte Lese
4. Gute Traubensönderung
Natürlich haben die ersten beiden Faktoren so gut wie jedes Jahr Gültigkeit, aber wenn die Rebarbeit 2009 nicht so eminent wichtig war, so entschied sie dieses Jahr darüber, ob man die Lese herauszögern konnte und so von der Schönwetterphase profitierte. Bei hohen Erträgen blieben die Trauben zuckermässig aber selbst dann unter den Anforderungen.
Oder anders ausgedrückt: Bei schlechter Rebarbeit musste die Trauben wegen dem Krankheitsdruck bereits früh aber im noch unreifen Zustand gelesen werden.
Bei guter Rebarbeit aber hohen Erträgen konnten die Trauben zwar hängen gelassen werden, auszureifen vermochten sie zumeist aber trotzdem nicht mehr.
Bei tiefen Erträgen und früher Lese hat man dieses Jahr etwas verschenkt. Zumindest aus frühreifen Klonen lassen sich in dieser Kategorie vermutlich aber ausbalancierte Weine finden, denen allenfalls etwas an Konzentration fehlen wird.
Bei guter Rebarbeit, kleinen Erträgen und später Lese wurden gesunde Trauben im guten bis optimalen Öchslebereich eingebracht werden. Aber selbst hier sind die Säuren im allgemeinen relativ hoch.
Somit wird es 2010 von mineralischen, langlebigen Weine bis zu dünnen „Säuerlingen“ vermutlich fast alles geben. Ich kann mir auch vorstellen, das etliche Winzer dieses Jahr bei Weiss- und Rotwein ihr Heil in einer Spur Restzucker suchen werden. Mein Ziel ist es aber, auch dieses Jahr vollkommen trockene Weine abzufüllen die sich harmonisch präsentieren.
Bei uns waren die sehr gesunden weissen Trauben bis auf die sehr hohen Säurewerte (vermutlich werden meine Weissen den biologischen Säureabbau zumindest teilweise durchlaufen) von grossartiger Qualität. Insbesondere die weissen Aromasorten (RxS Alte Reben und Sauvignon Blanc) brillieren mit so intensiver Frucht wie schon lange nicht mehr. Falls sich die Säuren im fertigen Wein im Gesamtbild einbettet, erwarte ich bei mir mit sehr kleinen Erträgen ein überdurchschnittlich guter Weissweinjahr-gang.
Durchzogener sieht es bei meinen Roten aus. Späte Sorten wie der Cabernet Sauvignon reiften nicht aus. Auch ich griff bei der Sorte wieder einmal zum Zuckersack.
Eigenwilligerweise zeigte sich dafür aber der Merlot sensationell schön. Zu einem Fünftel mitsamt den Stielen vergoren, erwarte ich da einen so aussergewöhnlichen Jahrgang, dass ich bereits damit spekuliere, ihn nicht vollständig dem NoTTno zuzufügen….
Bei der Lese der (Zizerser) Pinots sorgte ich mich um die Gerbstoffqualität. Die Häute waren sehr zäh und die Kerne oft nicht ausgereift. Deshalb vergärten wir dieses Jahr bei Temperaturen unter 30° Celcius und verzichteten auf exzessive Nachmazeration. Bei den ersten nun bereits abgepressten Pinot scheint sich die Befürchtung der unreifen Gerbstoffe nicht zu bestätigen. Selbst die letzten Pressfraktionen sind ohne jede Bitterkeit, die Säuren wirken für dieses Stadium eingebunden und die Farbe ist erstaunlich tief. (Die Ausnahme bestätigt die Regel.)
Die sehr späte Lese mit den finalen warmen Föhntagen scheint zusammen mit dem Minimalertrag von deutlich unter 3dl/m2 ein kleines Weinwunder bewirkt zu haben und ich bin so gespannt wie schon lange nicht mehr, wie stark sich die Weine mit dem biologischen Säureabbau und der Fassreifung noch verändern werden. An der Spitze ist 2010 aber definitiv kein schlechter Jahrgang.