Ein kurzer Sommer

24. August 2010

Zizers, 23. August

Endlich wieder einmal ein schöner Abend. Einer der wenigen in diesem kurzen Sommer, den ich mit einem Glas Wein auf der Terrasse sitzend, geniesse und die Gedanken schweifen lasse.

Für einmal ziehen keine Nebelschwaden um die Felsen, aber ich bemerke wie früh sich die Birke bereits zu entkleiden beginnt. Ihre welken Blätter liegen mal unordentlich über die Steine zerstreut, mal sind sie vom warmen Winden feinsäuberlich in einer Gartenecke zusammengeweht, um kurz darauf von einer kräftigen Böe erneut herumgetrieben zu werden.

Im neuen Land verabschiedet sich die Sonne mit einem rot-orangen Versprechen, welches warm über den weich abgestuften Konturen des schlafenden Kaisers leuchtet. Kühl und weissbewölkt, von einige dunkelblauen Flecken unterbrochen kündigt sich auf der anderen Seite die Nacht an. Nur über mir ist alles grau. Zwar nicht dicht geschlossen, man meint zu spüren, dass es nur einen kräftigen Atemstoss brauchen würde, damit die Wolkendecke aufreisst und den Blick auf die aufziehenden Sterne frei gibt, aber trotzdem einfach grau.

Wenn es jetzt trocken bleibt, ist es ein guter Tag. Ich hab wiedereinmal in Ruhe ein paar Stunden im Rebberg gearbeitet. Dabei vertrieb die Freude über die ersten aromatischen Trauben sogar fast den Ärger über den Schaden, den der Falsche Rebmehltau (eine sich heuer besonderes aggressiv verhaltende Pilzkrankheit) angerichtet hat.

Das Jahr war bis jetzt nicht einfach. Je nach Lage und Sorte blühten die Reben mitten in einer Schlechtwetterphase und die Trauben verrieselten. Später vermehrte sich der Mehltau explosionsartig. Wer in den kurzen trockenen Phasen den Spritztermin nicht genau traf, muss dieses Jahr schwere Verluste hinnehmen. Einzelne Winzer werden 2010 weniger als 20% ihrer normalen Menge einfahren können.Uns hat es zum Glück nicht ganz so schlimm erwischt. Bei den biologisch bewirtschafteten Parzellen rechne aber auch ich mit 50% Verlust. Im Betriebsschnitt werden es etwa 20% weniger als normal sein.

Bereits jetzt steht fest, dass 2010 mengenmässig ein schlechtes Jahr wird, aber qualitativ ist immer noch alles möglich. Zweckoptimismus? Nein, denn hier in Graubünden kann der Föhn fast alles wieder zurechtbiegen, wie er in meinem zweiten Jahr in Graubünden (damals noch auf Schloss Reichenau bei Gian-Battista von Tscharner) eindrücklich unter Beweis gestellt hat.

2001 regnete es ab Ende August einen Monat lang fast ununterbrochen. Die Temperaturen waren mehrmals gefährlich nahe an der Frostgrenze. Ende September ging ich durch die sumpfigen Weinberge. Vor mir hüpften Frösche weg. Die Trauben waren immer noch gleich rot und gleich sauer wie Ende August, aber nur noch wenige Rebblätter waren grün. Ich überlegte mir, was ich aus diesen Trauben machen soll. Selbst ein anständiger Rosé oder Federweiss schien mir mit dem Material jenseits des Möglichen.
Und dann – Bis Mitte November war einfach wunderbares Wetter, ein Tag schöner als der andere! Dank dem Föhn blieb es selbst in den Nächten warm. Nach einer herrlichen Weinlese lagen grandiose, konzentrierte, hocharomatische fast schwarze, wegen ihrem Gerbstoff- und Säuregehalt in der Jugend aber auch fast untrinkbare Wein in den Fässern. Die Jungweinproben waren etwas für Masochisten, aber ich prognostizierte den Weinen eine grosse Zukunft.
Wer die Geduld hatte, von guten Produzenten ein paar Flaschen Bündner Pinot 2001 beiseite zu legen, darf sich jetzt glückliche schätzen, und kann langsam damit beginnen, die eine oder andere Flasche zu öffnen.
Sie sehen also: Hier in Graubünden hat uns der Föhn noch (fast) immer gerettet. Und wenn das Wetter nun endlich sonnig und trocken bleiben würde, wären wir noch nicht einmal auf unseren Nothelfer angewiesen.

Aber jetzt geniesse ich den schönen Abend und das langsam zuneige gehende Glas Pinot Noir. Nein, es ist kein 2001er aus Graubünden, sondern ein sehr schön gereifter, fast burgundischer 1992er „Holzfass“ von meinem ehemaligen Lehrmeister Hermann Schwarzenbach aus Meilen. Auch der war in seiner Jugend fast ungeniessbar. (Nein, der Wein, nicht der Lehrmeister! :-) )
Gutes braucht oftmals einfach etwas Geduld. Also übe ich mich dieses Jahr weiterhin in Geduld.

Aber das Wetter soll jetzt endlich einfach schön und trocken bleiben; Gopferdami nonemole!!!

Dieser Mann hat die goldene Nase

11. August 2010

Thomas Mattmann (38) will mit seinen Weinen einen Kontrapunkt setzten zur immer uniformer werdenden Welt der Weine. Das Erfolgsrezept des Winzers….

Zum PDF des Artikels von Handelszeitung & The Wall Street Journal 5/2010

Anlässe und Degustationen 2010/11

20. April 2010

 

  • 30. August: Nach überwältigendem Erfolg findet Memoires & Friends mit der Schweizer Winzerelite im Kongresshaus Zürich erneut statt. Damit nicht mehr ein so grosses Gedränge wie letztes Jahr herrscht, wird die Ausstellungsfläche fast  verdoppelt. Von 14:00 bis 20:00 Uhr ein Must für jeden Lieberhaber des Schweizer Weins. Und das Beste ist: bei Onlinevoranmeldung auf www.weininfo.ch ist der Eintritt sogar gratis!
  • Samstag, 11. September: Degustationstag auf dem Weingut von 11:00 bis ca. 17:00 Uhr. Wie immer wird kaum jemand verhungern oder verdursten. Von uns die neuen und einige alte Weine, von Kurt Schreier wieder die Fischspezialitäten und Patrick Mettier wird uns ganz bestimmt auch wieder ein paar raffinierte Häppchen auf den Teller zaubern.
  • Freitag, 26. November: Ein aussergewöhnlicher kulinarischer Wein- und Champagnerabend auf dem Weingut in Zizers. Mit Champagner Laherte und Ernst Kunz, dem ehemaligen Küchenchef des Adler Fläsch. Genussvoll eingebettet in ein spezielles Menü ergründen wir die Berührungspunkte und die Unterschiede zwischen meinen Weinen und den Champagner des jungen und innovativen Winzers Aurélien Laherte. Pro Person CHF 165.-. Anmeldung werden ab jetzt angenommen auf info@ciceroweinbau.ch
  • Montag, 29. November: 12.00 Uhr, Restaurant Braui, Hochdorf . BP + BP = SM?» oder Montag mit René Gabriel ist aller Laster Anfang… Wer bei SM an Sadomasochismus denkt liegt falsch. Und wer bei BP an Diesel denkt auch. Und Laster hat auch in diesem Fall nichts mit Lastwagen zu tun! Nein hinter diesem Buchstabenrätsel versteckt sich eine höchst eidgenössische Genussformel die da heisst: Berner Platte und Bündner Pinot ergeben einen Schönen Montag! Aber – wer kann schon an einem Montag weg? Tja – wer montags nicht kann, der kann donnerstags auch nicht. Also worum geht es: Um 12.00 Uhr präsentieren die anwesenden Winzer ihr aktuelle Jahrgangskollektion in einer lockeren Apero-Steh-Verkostung.  Mit dabei sind:  Thomas Mattmann, Fränzi und Christian Obrecht, Martin und Thomy Donatsch, Schloss Salenegg, Gian Battista von Tscharner und  Dani Marugg. Nach der Degu geht’s zu Tisch, respektive in die Küche. Direkt ab Kochherd kann à discretion eine dampfende Berner Platte geschöpft werden die sich gewaschen hat. Natürlich mehrheitlich mit Toblers-Wollsäuli als Grundlieferanten. Und dazu trinken wir die «Resten der Stehprobe» und reifere Pinots aus den Kellerreserven der Winzer und René Gabriel. Und noch etwas Käse und dann natürlich noch ein feisses Meringue mit Bauern-Nidle und en Kafi-Güx. Und Musik! Nach wenn das mal kein Angebot ist? Kosten pro Person: CHF 150.-. (Degustation, Essen, Weine, Kaffee, Mineral etc.) Anmeldungen an: weingabriel@bluewin.ch
  • Montag, 3. Januar 2011: “Saar meets Graubünden” oder “Zwei Länder, zwei Winzer, zwei Sorten ein Philosophie” im Waldhotel Arosa. Die noch jungen Weingüter von Mattmann und Plunien sorgen mit ihren klar profilierten Weinen für viel Furore. Helmut Plunien keltert aus den besten Saarsteillagen unverwechselbar mineralische Rieslinge.  Thomas Mattmann, vinifiziert im Churer Rheintal (und seit kurzem auch im nur per Schiff oder zu Fuss erreichbaren Quinten) charaktervollen Pinot Noir. Aber sonst haben die beiden Winzer viel Gemeinsamkeiten. Beide pflegen alte, zum Teil noch wurzelechte Reben, die auf Schieferböden stehen, und beide versuchen mit kleinen Erträgen, Spontanvergärung sowie langem, schonendem Ausbau hochkonzentrierte, charaktervolle und lagerfähige Weine zu erzeugen. Gerd Reber (16 Punkte Gault Millau) wird diesen Abend kulinarisch auf höchste Niveau begleiten. Anmeldung direkt im Waldhotel.  
  • Sonntag, 13. April 2011: 5. Big Bottle Party im Hotel Palace, Berlin. Um 11:00 Uhr treffen die 35 besten Winzer Deutschlands auf 34 Spitzenwinzer aus Europa, Südafrika, Übersee und einem aus der Schweiz. :-) Geöffnet und getrunken werden nur hochwertigste Doppelmagnum und Imperialflaschen. Infos und Anmeldung direkt im Hotel Palace Berlin.

Weinlesebericht 2009

5. November 2009

Letzte Woche pressten wir nach einer durchschnittlichen Gärdauer von 18 Tagen die letzten Pinot Noirs. Die Weinlese beendeten wir aber bereits am Freitag, 16. Oktober mit dem Cabernet Sauvignon (94° Oechsle, 460g Ertrag pro qm). Es war die mit Abstand schnellste Weinlese meiner ganzen Winzerkarriere. Das nahezu perfekten August- und Septemberwetter lies uns bereits vor der Lese auf einen sehr guten Jahrgang 2009 hoffen.
Am Dienstag, 29. September starteten wir mit dem Müller-Thurgau. Ertrag (850g/m2 ) und Zuckergehalt (88° Oechsle) waren genau im Wunschbereich. Teilweise vergärte ich den Wein aus diesem nun 30-jährigen Rebberg heuer erstmals in einer Amphoren (Betonei).

Am Donnerstagmorgen, 1. Oktober ging es in Quinten in einem heuer erstmalig von uns gepflegten Rebberg weiter. Quinten hat ein vollkommen einzigartiges Klima. Extrem eingeklemmt zwischen dem Walensee und den Churfirsten bleibt nur für wenige, nur zur Fuss oder per Schiff erreichbare Rebberge Platz, denn direkt hinter den Rebbergen steigen die Felswände fast senkrecht um fast 1700 Meter an. Wegen relativ starkem Essigbefall mussten hier die Trauben von geschätzten durchschnittlich über 50-jährige Pinot Noir Stöcken konzentriert einzeln verlesen werden. Die grandiose, nahezu atemberaubende Kulisse dieses „Kraftortes“ entschädigte die Crew aber für ihre Bemühungen und ihren Einsatz. Der Begeisterung nach zu urteilen, kann ich die Plätze für die nächstjährige Weinlese wohl sogar an die Meistbietenden versteigern…
Qualitativ waren die Trauben schlussendlich wie gewünscht (kleinbeerig, aromatisch und komplett reife Kerne, bei 100°Oechsle), aber der Ertrag war leider schon fast ruinös tief. Aus dem fast eine halbe Hektare grossen Rebberg wird es 2009 keine 1200 Flaschen Pinot Noir geben.
Der Pinot Gris (junge Reben) am Nachmittag war den wieder ein Kinderspiel. Perfekt gesund, 350g/m2 und 105° Oechsle. Zudem wimmelten wir die ersten paar Kilo Zizerser Pinot Noir aus jungen Reben einer kleinen Versuchsanlage.
Einen Tag später ging es am Freitag, 2.Oktober hinter den Sauvignon Blanc. Auch er perfekt gesund, gewünschte 92° Oechsle, aber mit nur 380g/m2 ertragsmässig eine herbe Enttäuschung. Angestrebt gewesen wäre etwa 600 bis 700g/m2. Bereits nach der Blüte zeichnete sich hier eine kleine Ernte ab, doch dass sie so klein sein würde hätte ich nicht erwartet.

Normalerweise hat man nach diesen Lagen und Sorten ein bis zwei Wochen Ruhe, doch am Samstag entschloss ich mich aufgrund der Reife (innert zwei Wochen legten die Trauben fast 20° Oechsle zu!) den ganzen Pinot Noir so schnell wie möglich zu lesen.
Für Dienstag 6. und Mittwoch 7. Oktober konnte ich aus dem Freundes- und Bekanntenkreis je rund 45 Personen zum Wimmeln aufbieten. Da die Trauben nahezu perfekt gesund waren, ernteten wir Chardonnay, Pinot Noir, Merlot und Dornfelder vor der Schlechtwetterperiode in einem Zug ab. Nur den schliesslich am 16. Oktober gelesenen Cabernet Sauvignon liessen wir noch am Stock.

Bei der Bündner Hauptsorte (80% Pinot Noir) erreichten wir 450g/m2 mit hohe Öchslewerten (98-108°, durchschnittlich 105°) und insgesamt eher tiefen Säuren (aber trotzdem noch anständige pH-Werte), beim Chardonnay gute 590g/m2 mit 97° Oechsle und eigenwilligerweise guter Säure.

Für mich ein vollkommen aussergewöhnliches Jahr. Einerseits reiften die Trauben gegen das Ende hin sogar noch schneller als im Hitzejahr 2003, anderseits reiften die normalerweise späten Klone und/oder Lagen vor den normalerweise frühen.
Schlecht ist die eingebrachte 2009er Ernte ganz bestimmt nicht. Vermutlich ist es kein ganz gross Jahr (dafür war meines Erachtens der Frühsommer zu nass und speziell für die aromatischen Weissweine (Müller und Sauvignon Blanc) fehlten am Schluss die für die Aromabildung wichtigen kalten Nächte), aber ein sehr gutes wird es zumindest bei den Burgundersorten bestimmt werden. In der Breite wird man ganz bestimmt mehr gute und sehr gute Rotweine finden als im 2008. Auch bei den spätreifen Sorten (Cabernet, Merlot, etc.) ist 2009 sicher hochklassiger. Die 2008er Weissweine und die Spitzenpinots werden aber vor allem hinsichtlich Typizität, Eleganz und Lagerfähigkeit vermutlich noch etwas vor den 2009er stehen.

Die jungen Weine präsentieren sich bereits jetzt sehr rund, vollmundig und zugänglich. Die aromatischen Weissweine (Müller-Thurgau und Sauvignon blanc) dünken mich heuer eher Struktur- als Aromatypen. Die sortentypischen Aromen sind deutlich schwächer ausgeprägt als im 2008.

Die Pinots könnte man bereits jetzt „in grossen Zügen Saufen“. Wie im 2003 zeigen sie sich schon vor dem biologischern Säureabbau extrem weich, fertig, „trinkig“. Im Gegensatz zum 03 finde ich aber keine überreifen, konfitürige Aromen, sondern frischfruchtige Pinot-Beerigkeit. Erfreulich ist auch die dichte Farbe. Auch heuer habe ich komplett auf jegliche Aufsäuerung verzichtet. Dank der Fülle an reifen Gerbstoffen, hoffe ich, dass sich die Farbe trotz den doch relativ hohen pH-Werten stabilisieren lässt.
Was mir 2009 aber am prägensten in Erinnerung bleiben wird, ist das ungeheure Tempo der Lese. Normalerweise gehöre ich in Graubünden zu den “Spätlesern” aber dieses Jahr hatte ich bei der Lese des Pinots den Eindruck, dass ich der einzige sei, der bereits wimmelt. Der eine oder andere Winzer wurde wohl von der Reifegeschwindigkeit im 2009 komplett überrumpelt und konnte kurzfristig zuwenig Kapazitäten frei machen.